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Mehr als ein Job

CELLE. Die Eingliederungshilfe blickt auf eine lange Geschichte zurück. So feiert die Lebenshilfe Celle dieses Jahr beispielsweise 60-jähriges Jubiläum. Was zur Gründungszeit zwingend notwendig und alternativlos war, steht heute mit zunehmender Öffnung der Gesellschaft häufig in der Kritik: Werkstätten behinderten Inklusion heißt es da zum Beispiel. Sie seien auf Profit ausgerichtet, würden Menschen mit Beeinträchtigung finanziell ausbeuten und bewusst kleinhalten. Doch diese Sichtweise ist bei weitem nicht differenziert genug. Sie greift zu kurz und ignoriert dabei vor allem, dass wir ohne Werkstätten und ihren Einsatz für die berufliche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung meilenweit vom heutigen Fortschritt entfernt wären.

Werkstätten waren zur Stelle, als Menschen mit Beeinträchtigung in der Gesellschaft keinerlei Beachtung fanden, sie gar von vielen als „unproduktiv“ und „störend“ empfunden wurden. Möglichkeiten, einer regulären Arbeit nachzugehen, waren nahezu inexistent. Erst mit der Entstehung von Werkstätten und ihren unterstützenden Systemen war der Weg für berufliche Bildung und Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung geebnet. Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht auch Luft nach oben gibt. Letztlich muss das Ziel sein, dass die Arbeitswelt auch für wesentlich mehr Menschen mit Beeinträchtigung der allgemeine Arbeitsmarkt ist – ohne dass die Sonderwelt der Werkstätten als Arbeitsmarkt umdefiniert wird. Dazu muss sich jedoch nicht nur der Arbeitsmarkt ändern, sondern auch die gesellschaftliche Einstellung zur Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Menschen mit Beeinträchtigung. Die Werkstätten ihrerseits haben sich seit ihrer Entstehung kontinuierlich weiterentwickelt und den gesellschaftlichen Veränderungen und Anforderungen angepasst. Sie gingen mit der Zeit – und das tun sie auch weiterhin. Anlässlich des Welttags für Menschen mit Beeinträchtigung am 3. Dezember ruft die Lebenshilfe Celle deshalb dazu auf, die Entwicklung hin zu einer inklusiven Gesellschaft weiter voranzutreiben.

Zeit für ein neues Entgeltsystem

An erster Stelle bei der Kritik von Werkstätten steht seit jeher das Thema Bezahlung. Tatsächlich erhalten Werkstatt-Beschäftigte im bundesweiten Durchschnitt nur ein monatliches Entgelt von 210,00 € (bei der Lebenshilfe Celle lag das Entgelt zuletzt durchschnittlich bei 257,11 €). Durch einen Anspruch auf Grundsicherung und Rentenleistungen haben sie allerdings deutlich mehr Geld zur Verfügung, als es häufig in Diskussionen dargestellt wird. Doch wer möchte schon von Sozialleistungen abhängig sein, um seine Lebensgrundlage bestreiten zu können? Das empfindet auch die Bundesvereinigung Lebenshilfe ungerecht. „Sie haben einen besseren Lohn verdient. Schließlich gehen die meisten von ihnen wie alle anderen fünf Tage die Woche zur Arbeit“, so Lebenshilfe-Bundesvorsitzende Ulla Schmidt, MdB und Bundesministerin a. D. Daher setzt sich die Lebenshilfe genauso wie beispielweise die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) dafür ein, dass die gesetzliche Grundlage für das Entgelt-System in Werkstätten reformiert wird. Die Verantwortung für die Bezahlung allein den Werkstätten zuzuschreiben, ist allerdings ein Trugschluss. Das bestehende System ist komplex und steht seit Beginn in Wechselwirkung mit staatlichen Unterstützungsleistungen. Ändert sich an diesen nichts, so sind auch den Werkstätten die Hände gebunden.

Änderung in Sicht

Der Bundestag hat in diesem Jahr mit dem verabschiedeten Teilhabestärkungsgesetz die Bundesregierung aufgefordert, zeitnah für die nötigen gesetzlichen Anpassungen zur Neugestaltung des Entgeltsystems zu sorgen. In der dafür eingerichteten Steuerungsgruppe arbeiten auch die Bundesvereinigung Lebenshilfe und die BAG WfbM mit. Das neue System soll transparent, nachhaltig und zukunftsfähig sein. Aber vor allem eins: gerecht.

Das Ende der Werkstätten?

Es gibt zahlreiche Stimmen, die mittelfristig die Abschaffung sämtlicher Werkstätten fordern. Unabhängig von einer besseren Bezahlung sehen sie die Werkstätten als Hindernis, das Menschen mit Beeinträchtigung davon abhält, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden. Doch auch wenn zukünftig hoffentlich immer mehr inklusive Arbeits­angebote und -bereiche entstehen werden, kann die vollständige Abschaffung von Werkstätten nicht die Lösung sein. Denn sie bieten mehr als nur einen Arbeitsplatz. In den rund 700 deutschen Werkstätten werden die Menschen ausgebildet, gefordert und gefördert. Sie erhalten pädagogische, therapeutische und auch pflegerische Unterstützung und haben einen sicheren, unkündbaren Arbeitsplatz, den der Arbeitsmarkt nicht vorhält oder vorhalten kann. Um den vielen Vorurteilen, die rund um das Thema Werkstätten kursieren, etwas entgegenzusetzen, hat die BAG WfbM eine bundesweite Kampagne ins Leben gerufen.

„Mehr als ein Job!“

„Unsere Kampagne soll (…) informieren und aufklären, gleichzeitig aber auch klarmachen, dass wir das System an zentralen Stellen reformieren wollen“, so Martin Berg, Vorstandsvorsitzender der BAG WfbM. In der groß angelegten Kampagne „Mehr als ein Job!“ stellen Menschen mit Beeinträchtigung dar, was Werkstatt-Arbeit für sie bedeutet. „Bei meiner Arbeit kann ich meine vielen eigenen Ideen verwirklichen“, heißt es da unter anderem. Oder: „Auch mit 61 Jahren bekommt man hier eine gute Arbeit. Hier kann ich sein, wie ich bin.“

Mit Schichtwechsel zum Sichtwechsel

Zudem war in diesem Jahr auch das Projekt „Schichtwechsel“ Teil der Kampagne. Seit 2019 bietet dieser bundesweite Aktionstag teilnehmenden Betrieben die Möglichkeit, sich einen Eindruck von der Arbeit in Werkstätten und der Zusammenarbeit mit Menschen mit Beein­trächtigung zu verschaffen. Werkstatt-Beschäftigte und Mitarbeitende aus Unternehmen tauschen für einen Tag ihren Arbeitsplatz und entdecken die Arbeitswelt der jeweils anderen. So werden die Grundsteine für neue inklusive Arbeitsangebote gelegt und Werkstatt-Beschäftigte können ihre Fähigkeiten in einer neuen Arbeitsumgebung erproben und erste Eindrücke sammeln. Und wer weiß, vielleicht nutzen sie dann schon bald die Möglichkeit, ihren Arbeitsplatz in der Werkstatt dauerhaft gegen einen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu tauschen. Eins ist dabei jedenfalls sicher: In der Werkstatt bekommen Sie dafür genau die Unterstützung, die sie brauchen!


Vielen Dank für die Veröffentlichung!

Celler Presse: Mehr als ein Job – Welttag für Menschen mit Beeinträchtigung am Freitag, 3. Dezember

Cellesche Zeitung: Lebenshilfe Celle nimmt Stellung am Tag der Menschen mit Beeinträchtigungen (cz.de)

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